Eresing – Am Ende gehörte die Bühne jenen Männern und Frauen, die vor 140 Jahren den Mut zu einem wirtschaftlichen Neuanfang aufbrachten. In einem eigens für das Jubiläum geschriebenen Theaterstück ließen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der VR-Bank Landsberg-Ammersee den Gründungsabend des Eresinger Darlehenskassenvereins wiederaufleben. Die Aufführung bildete den Höhepunkt eines Festabends, mit dem die Bank an ihre Anfänge erinnerte.
Geschrieben und inszeniert hatte das Stück Manfred Doll, Marketingchef der VR-Bank. Für seine Darstellung griff er auf die erhaltenen Protokolle der Zusammenkunft vom 19. September 1886 zurück. Dennoch entstand keine trockene Geschichtsstunde. Doll verlieh den historischen Beteiligten erkennbare Charaktere und arbeitete mit viel Gespür für die damaligen Konflikte heraus, wie schwierig der Weg bis zur Gründung gewesen sein dürfte.
Nicht jeder war sofort von der neuen Idee überzeugt. Zweifel an der finanziellen Tragfähigkeit, persönliche Vorbehalte und die Angst vor dem Risiko standen im Raum. Das Stück zeigte mit Humor, wie aus unterschiedlichen Interessen schließlich ein gemeinsamer Entschluss entstand. Dabei verdichtete es die Genossenschaftsidee in einem Satz, der zugleich als Leitmotiv des gesamten Abends gelten konnte: „Was einer nicht schafft, das schaffen viele.“
Schauplatz des Festabends war das Eresinger Dorfgemeinschaftshaus. Dort blieb kaum ein Stuhl frei. Mitglieder und Beschäftigte der Bank feierten gemeinsam mit zahlreichen Gästen aus Politik und öffentlichem Leben. Der historische Ort lag ganz in der Nähe: Nur wenige Meter entfernt hatten sich am 19. September 1886 in der Gaststube des Alten Wirts 42 Männer und Frauen zur Gründung eines Darlehenskassenvereins versammelt.
Aus dieser Initiative entwickelte sich eine der frühen Genossenschaften Oberbayerns und letztlich die heutige VR-Bank Landsberg-Ammersee. Vorstandsvorsitzender Stefan Jörg erinnerte daran, dass die Jubiläumsfeier auf den Tag genau 140 Jahre nach der Unterzeichnung des Gründungsprotokolls stattfand.
Eresings Bürgermeister Michael Klotz bezeichnete Genossenschaft als „ein Stück Heimat“. Hinter der Gründung stand die Überzeugung, wirtschaftliche Schwierigkeiten nicht allein, sondern durch gegenseitige Unterstützung bewältigen zu können. Die Menschen vor Ort wollten ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und schufen dafür eine gemeinschaftlich getragene Einrichtung.
Die Idee fand in der Region schnell Nachahmer. Bereits drei Wochen später wurde in Windach ein weiterer Darlehenskassenverein gegründet, anschließend folgte Greifenberg. In den darauffolgenden Jahrzehnten entstanden im Gebiet der heutigen VR-Bank insgesamt 26 Genossenschaften.
Aufsichtsratsvorsitzender Johann Forster verglich die Entwicklung mit der Arbeit in der Landwirtschaft. Man habe „gesät, gepflegt, nachgepflanzt“. Nicht jedes Jahr habe die gleiche Ernte gebracht, doch die Wurzeln hätten Bestand gehabt.
Diese Wurzeln erwiesen sich auch in schwierigen Zeiten als tragfähig. Die Genossenschaften durchlebten zwei Weltkriege, Inflation, Währungsreformen und mehrere wirtschaftliche Krisen. Immer wieder mussten sie sich an veränderte Bedingungen anpassen.
In den 1960er-Jahren begann eine Phase zahlreicher Zusammenschlüsse. Forster sprach in diesem Zusammenhang von einer „Flurbereinigung der Genossenschaften“. Stefan Jörg betonte, dass dabei nicht bloß größere Institute geschaffen werden sollten. Im Mittelpunkt habe vielmehr die Bündelung der vorhandenen Kräfte gestanden.
Aus den vielen örtlichen Einrichtungen gingen schließlich die Raiffeisenbank Kaufering-Landsberg und die Ammersee Bank hervor. Beide schlossen sich 2002 zur Landsberg-Ammersee Bank zusammen. Seit 2011 trägt das Institut den Namen VR-Bank Landsberg-Ammersee und macht damit auch nach außen seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Volksbanken und Raiffeisenbanken deutlich.
Alexander Leißl, Vorstandsmitglied des Genossenschaftsverbands Bayern, sah in der Verbindung von persönlicher Nähe und digitalen Angeboten eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten könnten regional verwurzelte und zugleich anpassungsfähige Genossenschaftsbanken verlässliche Partner für Privatkunden und mittelständische Unternehmen sein.
Landrätin Daniela Groß würdigte die 140-jährige Geschichte der Bank als „beeindruckende Wegstrecke“. Sie hob zudem deren gesellschaftliches Engagement hervor. Dazu gehören der VR-Sozialpreis und jährliche Förderungen im sechsstelligen Bereich.
Im Jubiläumsjahr kommen weitere Aktionen hinzu. Der Reinerlös aus dem Verkauf eines eigens gebrauten Jubiläumsbiers geht an den Kreisjugendring. Darüber hinaus erhalten alle 24 Gemeinden, in denen die VR-Bank mit Geschäftsstellen vertreten ist, eine Sitzbank.
Auch musikalisch verband der Abend Tradition und Gegenwart. Der Musikverein Eresing sorgte für die Begleitung im Saal. Mit „Mit Herz und Hirn“ war außerdem ein mithilfe künstlicher Intelligenz entwickeltes Lied über Geschichte und Gegenwart der Bank zu hören.
Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ jedoch das Theaterstück. Es machte sichtbar, dass hinter der Gründung nicht nur Zahlen, Satzungen und Protokolle standen, sondern Menschen mit Zweifeln, Eigenheiten und unterschiedlichen Vorstellungen. Erst indem sie einander zuhörten und ihre Kräfte vereinten, konnte aus der Idee Wirklichkeit werden.
Damit führte die Aufführung zugleich zurück zum Kern des Genossenschaftsgedankens: Was einer allein nicht erreicht, kann durch gemeinsames Handeln möglich werden.